Kleine Geschichten aus meinem Alltag

Donnerstag, den 10. Dezember 2009:
Nachdem ich zusammen mit den Strudelliteraten am 5.und 6.Dezemeber 2009 zwei Vorstellungen bestritten habe, möchte ich hier meine Texte, die ich eigens für diese Veranstaltung geschrieben habe, einstellen. Heute beginne ich mit dem satirisch-kabarettistischen Text, in den nächsten Tagen folgt der gruselige Krimi.
Kartoffelsalat - oder warum Sie Ihr Kind zu schlechtem Benehmen erziehen sollten
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Ist das bei Ihnen auch so? Können Sie sich noch an Advent oder Weihnachten in Ihrer Kindheit erinnern?
Sprechen wir doch einmal über den Weihnachtsmann. Glauben Sie noch an den Weihnachtsmann? Ich schon lange nicht mehr. Schon als ich so fünf, sechs Jahre alt war, wusste ich natürlich ganz genau, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Allerdings war ich schon ziemlich sauer, als meine Eltern zu den Großeltern sagten: „Die (und damit meinten sie meinen Bruder und mich) sind doch schon viel zu alt für Schokoladen-Weihnachtsmänner.“ Hey, zu wissen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, heißt doch noch lange nicht, dass man welche aus Schokolade verschmäht. Wo bitteschön ist da die Logik?
Nun gut. Jedenfalls wusste ich, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Und das wissen die Kinder, die in Island leben, auch. Allerdings ist das denen ziemlich egal, denn in Island gibt es gar keinen Weihnachtsmann, sondern 13 Weihnachtskerle. Klar, die Kinder dort wissen natürlich auch ganz genau, dass die gar nicht existieren. Aber 13 Weihnachtskerle, das muss man sich erst einmal vorstellen...
Aber halt! Die kommen nicht alle am selben Tag. Nein, nein. Am 12. Dezember kommt der erste der Weihnachtskerle aus den Bergen zu den Menschen ins Tal herab. Er heißt Schafe-Erschrecker. Was er macht? Schafe erschrecken. Das macht er, weil er immer durstig ist und die Schafsmilch trinken möchte. Aber hauptsächlich, weil er recht viel Quatsch im Kopf hat.
Nach dem Schafe-Erschrecker kommt jeden Tag ein anderer der dreizehn Brüder zu den Menschen. Am 13. kommt der … stopp, ich werde Ihnen jetzt nicht alle der Reihenfolge nach aufzählen. Vielleicht die Namen, damit Sie sich ein ungefähres Bild machen können: Milchklauer, Stöpsel, Schöpflöffellecker, Topfauskratzer, Suppenschlürfer, Türenknaller, Quarkfresser, Würstchendieb, Fenstergucker, Fleischangler, Türenschnüffler und Kerzendieb heißen die Brüder vom Schafe-Erschrecker.
Nun gut, jeden Tag kommt einer. Falls Sie in Mathe aufgepasst und mitgerechnet haben, wissen sie es schon: Der letzte der 13 Kerle kommt am 24. Dezember aus den Bergen. An Heiligabend sind also alle da.
Gut, oder auch nicht gut, denn bei dem ganzen Schabernack, den die Typen so treiben, muss man sich schon fragen: „Was machen wir jetzt mit diesen 13 wilden Kerlchen?“
Keine Bange, am ersten Weihnachtstag geht das Spiel nämlich von vorne los. Oder von hinten, wenn man ganz genau sein will. Der Schafe-Erschrecker packt seine Sachen und steigt wieder in die Berge hinauf. Am 26. Dezember folgt der Milchklauer, am 27.,… nein, ich erspare Ihnen auch diese Aufzählung. Sie haben schon begriffen, wie es läuft, oder?!
Jedenfalls, wenn Sie jetzt wieder heimlich weitergerechnet haben, wissen Sie, dass der allerletzte Weihnachtskerl am 6. Januar abreist. Dann haben die Isländer erstmal Ruhe. Zumindest bis zum 12. Dezember, denn da geht das Spiel wieder von vorne los.
Warum ich Ihnen das eigentlich erzähle? Weil`s spannend ist und immer gut, wenn man mal etwas über fremde Kulturen erfährt. Aber auch… Ja… wie soll ich das jetzt sagen… Wegen der Adventskalender! Und das erkläre ich Ihnen jetzt mal.
Sind nicht genau Sie derjenige, der immer sagt, diese gekauften Adventskalender seien total blöde und einfallslos? Selber basteln wäre doch viel besser. Und kreativer.
Und sind Sie nicht auch der, der in Wirklichkeit noch nie einen Adventskalender gebastelt hat?
Sehen Sie? Genau deshalb erzähle ich Ihnen diese Geschichte. Denn in Island, da gibt es keine gekauften Adventskalender. Hah, da freuen Sie sich jetzt und erwägen einen Umzug dorthin, das sehe ich Ihnen doch an. Aber nein, nein, so einfach ist das nun auch wieder nicht. Warum sonst hätte ich Ihnen hier einen von Weihnachtskerlen erzählt, wenn das gar nichts damit zu tun hätte?
Fassen wir doch noch einmal zusammen: Ab dem 12. Dezember kommt jeden Tag ein Weihnachtskerl aus den Bergen, am 6. Januar sind alle wieder weg. Und in genau diesem Zeitraum, vom 12. Dezember bis zum 6. Januar, stellen die Kinder in Island jeden Abend ihre Schuhe vors Fenster. Und das nicht, weil diese vielleicht dreckig wären oder müffeln, sondern weil morgens immer ein Geschenk drinliegt. Jeden Morgen. Vom 12. Dezember bis zum 6. Januar.
Ja, da müssten Sie sich schon einiges einfallen lassen, um die Füllung für diesen Adventskalender zu basteln oder zu kaufen.
Glücklich schätzen könnten Sie sich natürlich, wenn Sie so richtig unartige, übelgelaunte, ungehorsame und freche Blagen rangezogen haben. Dann nämlich können Sie weiter wie bisher nur großspurig von der Kreativität reden, Ihrem Kind aber einfach eine rohe Kartoffel in den Schuh packen, denn das ist es, was unartige isländische Kinder morgens in ihrem Stiefel vorfinden.
Ja, und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie könnten das bis zum 6. Januar durchziehen. Immer wieder stiften Sie Ihr Kind zu Streichen, Gemeinheiten und Ungehorsam an - natürlich ganz subtil, ohne dass das liebe Kleine etwas davon merkt. Wenn Ihnen das gelingt, können Sie am Ende der Weihnachtszeit endlich einmal wieder ein großes Fest für die ganze Familie, für Freunde und Bekannte machen. Warum?
Überlegen Sie doch einmal: Was brauchen Sie für Ihr Fest? Kartoffelsalat! Dämmert`s? Ja, haben Sie denn wieder nicht mitgerechnet? Bei Ihrem verzogenen Gör kommen Sie doch locker auf die Gesamtzahl von 26 Kartoffeln. Und, mal ganz ehrlich: Das gäbe doch bestimmt einen leckeren Kartoffelsalat für die ganze Sippe, oder? Und zahlen müssten Sie dafür quasi nix.
Mittwoch, den 2. Dezember:
Radio-Knigge
Vielleicht kommen Sie ja einmal in die Lage, als Gesprächsgast in eine Radiosendung eingeladen zu werden. Als Vorbereitung hierfür nun einige Hinweise, die Ihnen in einer solchen Situation dienlich sein könnten, illustriert an Praxisbeispielen aus dem Radio-Alltag. Am Vorabend zur Sendung etwa rief die Hollywood-Schauspielerin an und fragte aufgeregt: „Muss ich mich für die Sendung besonders schick machen?“ An dieser Stelle sei grundsätzlich vermerkt, dass man Radio gar nicht sehen kann. Deshalb gilt die Faustregel: Sie können tragen, was Sie möchten. In dieselbe Kategorie fällt der Versuch, das Gespräch mit optischem Anschauungsmaterial aufzupeppen. „Sehen Sie mal, ist die Linienführung nicht wunderschön?“, wollte eine Künstlerin wissen und hielt ihr Gemälde ans Mikrofon. Ich konnte mich ihrer Meinung zwar anschließen, konzentrierte mich dabei jedoch mehr auf die akustische Vermittlung des Bildaufbaus. Manchmal setzen Radiosendungen auch magische Prozesse in Kraft. Wie sonst wäre zu erklären, dass wenige Tage, nachdem ein Fernsehschauspieler in der Sendung seinem Wunsch Ausdruck verlieh, baldmöglichst in die Rolle eines „Tatort“-Kommissar zu schlüpfen, ein Nachfolger für ein ausscheidendes Ermittler-Team gesucht wurde? Merke: Sprechen Sie im Radio unbedingt an, was Ihnen gerade auf dem Herzen liegt, es könnte hilfreich sein. Ein letzter Tipp: Bringen Sie den Moderator nicht aus dem Konzept. Besonderes Talent hierzu bewies ein Kollege vom SWR. Bei der Ankündigung des Gastes der Folgesendung schrie er plötzlich mit schriller Stimme: „Ich glaube, den kenne ich. Ist das nicht so ein dicklicher älterer? Weil, dann ist seine Enkelin mit meiner Tochter im Reitunterricht. Du musst ihm unbedingt Grüße von mir ausrichten. Aber nur, wenn er es wirklich ist.“ Kommen Sie als Moderator aus dieser Nummer mal wieder heil heraus! Zusammenfassend kann festgestellt werden: Es ist gar nicht schwierig, als Gast im Radio zu brillieren, wenn man sich an ein paar simple Regeln hält.
(Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Freitag, den 13. November 2009:
Seilhüpfen
"Mama, mein Freund Malte geht jetzt ins Rope-Skipping. Darf ich auch?" Ich machte große Augen. Rope-was? Genervt schaute Patrick mich an und verdrehte die Augen. "Rope-Skipping. Das ist total toll", klärte er mich auf. Aha, schlauer war ich nun zwar nicht, aber in solchen Fällen hilft ratlosen Eltern ja das Internet weiter. Ein paar Augenblicke später war ich sprachlos. Mein obercooler neunjähriger Sohn wollte seilhüpfen? Und das sogar im Verein? Ich war tief beeindruckt.
Da schlugen eindeutig die Gene seiner Mutter durch, schließlich war ich mit neun die weitaus beste, schnellste und eleganteste Seilhüpferin der ganzen Klasse gewesen. Patrick rechnete kurz nach. "Ey Mama, das ist ja schon 34 Jahre her." Danke, dachte ich, dass Du mich daran erinnerst. "Und überhaupt", fuhr Sohnemann in leicht spöttischem Unterton fort, "kannst Du das doch gar nicht vergleichen. Das ist heute viel schneller." Ja, waren wir früher etwa lahme Enten?
Am nächsten Morgen vereinbarte ich im Sportverein ein Probetraining. Für mich. Patrick würde staunen, was seine olle Mutter noch so alles auf der Pfanne hat. Das Seil fühlte sich irgendwie anders an als mein durchgewetztes von damals. Auf jeden Fall dehnbarer. So schnell sauste es herum, dass ich es kaum erkennen konnte. Die Geschwindigkeit der Hüpfer war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Zwei schwangen das Seil. Ich tat mein Bestes, aber jedes Mal blieb es an meinem Fuß hängen. Jedes Mal war ich einen kleinen Tick zu spät. Obwohl doch meine Füße nur für Sekundenbruchteile den Boden berührten. Ich ging nach Hause. Patricks Worte schwirrten mir im Kopf herum: "Das kannst Du nicht vergleichen. Das ist heute viel schneller." Nun glaubte ich ihm.
Patrick und sein Freund Malte gehen seit ein paar Wochen gemeinsam zum Rope-Skipping. Er wundert sich, warum ich mich auf kein Wetthüpfen einlasse. "Und dabei hast du früher immer damit angegeben, du wärst die beste, schnellste und eleganteste Seilhüpferin deiner ganzen Klasse gewesen."
(Heute erscheienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Donnerstag, den 4. November 2009:
Ehe-Versprecher Rüdiger war mit zwei Freundinnen zum Wandern im südlichen Schwarzwald unterwegs. Hier ein Berg, dort eine Schlucht, ihre wanderschuhbewehrten Füße trugen die drei von einem Naturschauspiel zum nächsten. Gegen Abend kam das große Ausflugslokal mit Terrasse mitten im Wald wie gerufen. Nicht nur die einheimischen Spezialitäten erregten die Aufmerksamkeit des vom erlaufenen Tagespensum bereits ein wenig erschöpften Trios, auch die in traditionelle Schwarzwälder Tracht gewandeten Bedienungen waren eine schiere Augenweide. Dass zur Tracht ein roter oder schwarzer Bollenhut gehörte, verstand sich von selbst.
Die Wandersleut' indes kamen darüber ins Grübeln. War nun der rote Bollenhut der, den die schon Verheirateten trugen, oder zeugte er von Ehelosigkeit? "Wir könnten ja daheim im Lexikon nachsehen", meinte eine der Damen. Die andere präferierte das Nachschlagen im Internet. Rüdiger hingegen hatte eine weitaus pragmatischere Idee.
Was, wenn man einfach eine der Bedienungen nach der Bedeutung der Farbgestaltung ihres Kopfputzes fragte? Die müssten es schließlich wissen, trügen sie die Kopfbedeckung doch tagein, tagaus überm glatten oder krausen Haar. Gesagt, getan. Als die Kellnerin Schwarzwälder Kirschtorte und Schwarzwälder Schinkenplatte auftrug, fasste sich Rüdiger ein Herz und fragte: "Mit ihrem roten Bollenhut, sind sie da verheiratet?" Die junge Frau stutzte kurz und zog fragend die Augenbrauen zusammen.
Doch dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, und sie antwortete: "Nein, nein, mit dem Hut bin ich nicht verheiratet. Ich bin aber auch sonst ledig." Nickte der Runde am Tisch freundlich zu, drehte sich um und servierte am Nachbartisch ein paar Gläschen Schwarzwälder Kirschwasser.
(Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 26. Oktober 2009:
Eine andere Art, Urlaub zu machen Als ich Mitte der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts - und das ist gerade einmal vierzehn Jahre her - zum ersten Mal nach Island reiste, galt ein Urlaub dort noch als so etwas wie ein Geheimtipp für Abenteurer. Holperige Schotterpisten mit ungezählten, teils flachen, teils tückisch tiefen Schlaglöchern, schier endlose Weite, menschenleere Gegenden.
Wann waren Sie zum ersten Mal in Island? Vielleicht erinnern ja auch Sie sich noch daran, wie anders als heute es dort vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren war.
Heute sind die meisten Strassen asphaltiert, zahllose Touristen reisen fast das gesamte Jahr über kreuz und quer durchs Land, zumindest aber einmal auf der Ringstrasse um die ganze Insel herum.
Wieder daheim trifft man nicht selten auf Menschen, die seufzend flüstern: „Ich muss unbedingt wieder hin“ oder „Ich bin erst gestern zurückgekommen, aber ich habe schon wieder Sehnsucht“ oder auch in zusammenfassender Diagnose: „Ich bin vom Island-Virus befallen.“
So also reden sie, die Touristen. Sie sind hingerissen von der überwältigenden Natur des Urlaubslandes. Allerdings gibt es auch Menschen, die nach Island reisen, um dort eine Arbeit aufzunehmen.
Die meisten nur für eine begrenzte Zeit. Jugendliche etwa, die sich auf Bauernhöfen um Schafe, Schweine, Kühe oder Pferde kümmern, andere, die während der Schul- oder Semesterferien in Hotels und Herbergen im Service mithelfen. Auch Stellen als Au-Pair sind begehrt. Doch was viele nicht ahnen: Auch Erwachsene, die mitten im (Berufs-) Leben stehen, zieht es zum Arbeiten nach Island.
Einer von ihnen ist Klaus Kreiter aus Adelshofen im Kraichgau. Im Sommer 2008 traf ich ihn in Galtalaekur am Fusse des Vulkans Hekla im Süden des Landes. Als ich beim Hof ankam, baute Klaus gerade eine Terrasse.
Bei meiner Ankunft auf Galtalaekur baut Klaus gerade eine Terrasse.
Die Scheune konnte er an diesem Tag nicht fertig streichen, denn der Sturm hatte ihm die Farbe einfach von der Rolle geweht. „Bei der Heuernte werde ich dann auch dabei sein“, erzählte Klaus voller Vorfreude.
Zu windig zum Streichen…
Klaus bereist Island schon seit vielen Jahren. Irgendwann kam er nach Galtalaekur und verliebte sich sogleich in das Fleckchen Erde. Und merkte schnell: „Hier gibt es immer etwas zu tun.“
Seit sechs Jahren verbringt der Justizvollzugs-Beamte nun schon einen Teil seines Jahresurlaubs in Galtalaekur. Hauptsächlich, um dort zu arbeiten. Wohnen kann er kostenlos bei seinen Arbeitgebern. Arbeitgeber, nur im schlichten Wortsinn der rechte Begriff, denn eine Bezahlung im herkömmlichen Sinne erhält Klaus nicht.
„Mein Aufenthalt hier ist ein wunderbarer Ausgleich zu meiner Arbeit in Deutschland“, weiss er aber. Und er sagt: „Der Familienkontakt, den ich beim Arbeiten genossen habe, war sehr interessant. Den möchte ich nicht missen. Hier lernt man die Isländer richtig kennen.“
Natürlich nimmt sich Klaus neben all seinen Aufgaben auch genügend Zeit, die Natur zu geniessen. So beschloss er vor ein paar Jahren, doch einmal die Hekla, die er vom Hof aus ständig vor Augen hat, zu besteigen. Es gelang ihm in rekordverdächtigen anderthalb Stunden.
Die Hekla hat Klaus auch schon erklommen.
Eines jedenfalls steht für Klaus fest: „Auch wenn es 2009 nicht geklappt hat: Ich komme auf jeden Fall wieder.“
(Heute erschienen bei Iceland Review online: http://www.icelandreview.com/icelandreview/deutsch/alltag/?ew_news_onlyarea=content1&ew_news_onlyposition=6&cat_id=66954&ew_6_a_id=350097)
Dienstag, den 13. Oktober 2009:
Verpasste Party Man hatte ihr zwei Freikarten für die Verleihung des Deutschen Journalistenpreises in Frankfurt geschickt. Nebst Dinner und anschließender Party. Ihre Kollegin musste nicht lang zum Mitkommen überredet werden. Die beiden Damen rüschten sich ein wenig auf und machten sich auf den Weg in die Mainmetropole. In Ermangelung eines Navis hatte jede von ihnen einen Routenplaner im Internet mit den wesentlichen Daten gefüttert und die Ergebnisse ausgedruckt.
Ein paar unwesentliche Staus und Stockungen hatten die Damen unbeeindruckt hinter sich gelassen, als sie Frankfurt erreichten. Hier rechts, da links, im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt. Doch da, wo die Halle stehen sollte, stand gar keine. Plötzlich passten auch die realen Straßennamen nicht mehr zu denen auf dem Ausdruck. Egal, die Frauen verfügten ja über eine zweite Version der Strecke. Das Spiel von vorn. Aber auch dieses Blatt Papier lieferte nicht das gewünschte Resultat.
Die Veranstaltung hatte schon seit einer Stunde begonnen. Ohne die Gäste aus dem Kraichgau. Und weit und breit keine Menschenseele, die man nach dem Weg hätte fragen können. Da meldete sich die Blase der Fahrerin. Eilends war ein neuer Plan geboren. Sie müssten einfach nur eine Tankstelle finden. Gesagt, getan. Der Tankwart griff routiniert nach einem Stadtplan. Die Journalistinnen waren bei ihrer Irrfahrt am entgegengesetzten Ende der Großstadt angelangt. Der nette Fachmann zeigte ihnen drei mögliche Wegstrecken. Ganz nach persönlichem Geschmack. Die Frauen bedankten sich und stiegen ins Auto. "Welche Strecke nehmen wir denn jetzt?", fragte die eine, und die andere antwortete: "Ich weiß auch nicht."
Die Zeit war nur so verflogen, und wahrscheinlich waren Preisverleihung und Abendessen bereits vorüber. Essen: Beiden knurrte der Magen. Hatte die Fahrerin vorhin, gleich nach dem Start, nicht ein Restaurant mit besonders leckerer Pizza erwähnt? Ehe sich die beiden versahen, waren sie auch schon auf der Autobahn. Erst bei Sinsheim fuhren sie wieder ab. In Hilsbach feierten sie bei Pizza und Salat ihre ganz persönliche Journalistenparty. Die Unfähigkeit, Stadtpläne zu lesen? Die Sinnlosigkeit verfahrener Kilometer? Die Journalistinnen können darüber nur lachen. Für sie war es einfach ein Restaurantbesuch mit längerer Anfahrt. Und die Journalistenpreise werden auch nächstes Jahr wieder vergeben. Wenn alles klappt, fahren sie hin.
(Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Freitag, den 02. Oktober 2009:
Hier mal ein Bild von den Strudel-Literaten. Der erste Auftritt, den ich gemeinsam mit ihnen bestreite, steht unter dem Motto "Früher war mehr Lametta" und findet am 5. Dezember 2009 im Wasserschloss Bad Rappenau statt (siehe Bild-Hintergrund!).

Montag, den 21. September 2009:
Rentiere
Es war schon ziemlich lange her, dass ich den Glauben daran, es gäbe in Island tatsächlich Rentiere, aufgegeben hatte.
Mindestens zehnmal war ich nun schon dort gewesen, hatte im Osten immer besonders Acht gegeben, ob sich nicht doch irgendein Schaf oder Pferd als waschechtes Rentier entpuppen würde.
2006 sah ich sie dann endlich zum allerersten Mal. Da meine Freundin Ute genau bei dieser Reise nicht dabei war, hatte ich ihr also etwas voraus.
Günter Schneider (aus: „Das Island-Reisebuch für Kinder“).
Im Juni 2008 passierte dann allerdings folgendes. Mit zwei Autos waren wir in Höfn, wo wir einen Bekannten besucht hatten, losgefahren und auf dem Weg nach Berunes. Ich war ein bisschen müde und träumte, während ich den Wagen lenkte, ein wenig vor mich hin.
„Die sind aber schon ganz schön gross gewachsen“, dachte ich, als ich die fünf Schafe sah, die schräg vor mir am Strassenrand grasten. Und im nächsten Augenblick schoss mir die Erkenntnis durch den Kopf: „Moment mal, das sind doch Rentiere. Nichts wie auf die Bremse getreten!
Utes Auto entschwand bereits hinter der nächsten Kurve, also hurtig das Handy gezückt. Ute hatte, wie erwähnt, ja noch keine echten Rentiere gesehen. Ausser im Haustierzoo in Reykjavík natürlich. Doch sie hatte ihr Mobiltelefon ausgeschaltet. „Selbst schuld“, brummelte ich vor mich hin, „wirklich schade.“
Meine beiden Mitfahrer hatten den Wagen längst verlassen. Sie schlichen nahezu lautlos ums Auto herum und pirschten sich, immer wieder leise „pssst“ zischelnd, näher und näher an die Tiere heran. Ich blieb gelassen im Auto sitzen und beobachtete von dort aus das Treiben von Tieren und Menschen gleichermassen interessiert.
Die Rentiere aus dem Jahr 2006. Foto: Günter Schneider.
Da, ein Windstoss! In Sekundenbruchteilen spielte sich folgende Szene ab: Günters Baseball-Kappe mit Wal-Motiv flog in hohem Bogen in Richtung der verdutzt aufblickenden Rentiere, gleichzeitig stiess Gerlinde einen spitzen Schrei aus und jagte der Kappe in bester Rettungsabsicht hinterher. Die Rentiere schauten entgeistert und entschieden sich zur Flucht.
„Es war doch nur ein Reflex“, beteuerte Gerlinde später immer wieder. Die Geschichte, bringt uns trotzdem oft zum Lachen, denn wie oft erlebt man schon Rentiere, eine fliegende Baseball-Kappe mit Wal-Motiv und eine hinterdreinflatternde Quasi-Elfe auf einmal?
Rentiere lebten übrigens nicht immer auf Island. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts grosser Nahrungsmangel im Land herrschte, litten die Menschen Hunger, viele starben sogar. Um Abhilfe zu schaffen, wurden Rentiere mit Schiffen aus Nord-Norwegen ins Land gebracht.
Damit hatten die Menschen Fleisch zu essen und zudem warme Felle, aus denen sie Kleidung nähten. Trotzdem blieben genügend Rentiere übrig, um sich vermehren zu können. Allerdings wurden die Tiere in Island nie gezähmt oder zu Haustieren gemacht. Die Nachkommen der eingeführten Tiere, und das sind mittlerweile etwa 3000, leben heute verwildert im Osten des Landes.
Freitag, den 18. September 2009:
Heute musste ich schon ziemlich früh raus. Es war noch dunkel. Als ich aus der Haustüre trat, sah ich einen Schatten durch den Hof flitzen. Es war ein Igel. Er huschte um die Ecke, durch den Zaun und verschwand unter einem Busch. Plötzlich sah ich ein kleines Igelkind hinterdrein "torkeln". Schnell griff ich mir die Kamera und knipste - - - was gar nicht so einfach ist, wenn man vor lauter Müdigkeit kaum die Augen offenhalten kann. Ich hoffe jedenfalls, dass das Igelchen den Weg zurück zu seiner Famile gefunden hat.

Mittwoch, den 9. September 2009:
Hallo zusammen, habe den Text von vorgestern leicht geändert. So ist er heute in der Kraichgau Stimme erschienen:
Made in Island?
Haben Sie einen Lieblingsplatz? Einen Ort, an den es Sie immer wieder fast magisch zieht? Silja hat einen. Und zwar den Ort Húsavík in Island. Und es könnte durchaus sein, dass sie bei einer Reise auf die Insel auf ein streng gehütetes Familiengeheimnis gestoßen ist.
Auf dem Weg nach Húsavík legte die kleine Gruppe einen Stopp bei einem Museumsgehöft ein. Während der Besichtigung nahm der Führer Siljas Vater beiseite und sagte fast flüsternd zu ihm: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie meinem vor Kurzem verstorbenen Großvater ganz verblüffend ähnlich sehen?“ Siljas Vater wusste es selbstverständlich nicht. „Aber Sie haben doch bestimmt isländische Vorfahren?“, bohrte der junge Mann weiter, „Sie sehen so typisch isländisch aus.“ Abermals verneinte Siljas Vater.
Wahrscheinlich wäre diese Unterhaltung schnell in Vergessenheit geraten, hätte die Gruppe nicht ein paar Tage später das Museum von Húsavík besichtigt. Urplötzlich kamen drei Mitreisende ganz aufgelöst und mit wild fuchtelnden Armen auf Silja und ihren Vater zugerannt. Fast schrill vor Aufregung, riefen sie: „Komm schnell mit, da hinten hängt ein Bild, und der Mann darauf sieht ganz genauso aus wie Du.“
Es war die Seefahrts-Abteilung. Bei den Bildern, von denen die Frauen sprachen, handelte es sich um gezeichnete Portraits ehemaliger Fischer des Orts. Lange standen Silja und ihr Vater vor dem Konterfei des betreffenden Seefahrers und blickten den eventuell Verwandten unverwandt an.
Viel später, längst zurück in Deutschland, kamen Silja die beiden Erlebnisse wieder in den Sinn. Was, wenn ihr Großvater der Sohn eines durchreisenden Isländers gewesen ist? Ihr Opa war schließlich ein uneheliches Kind, der angebliche Vater bekannt, aber könnte es nicht doch sein, dass... Dann, ja dann wäre auch Silja so etwas wie eine Isländerin. Und damit wäre eine Antwort darauf gefunden, warum sie sich seit mehr als einem Jahrzehnt so hingezogen zu eben diesem einen kleinen Fischerort im Norden der Insel fühlt. Weil nämlich ihr Urgroßvater genau dort, in Húsavík, gelebt hat.
Und Siljas Vater? Auch ihn hat schon bei seiner ersten Reise die Liebe zu Húsavík gepackt. Vielleicht ist alles nur ein Zufall. Wie Silja herausfinden könnte, ob ein Körnchen Wahrheit in der Angelegenheit steckt, das weiß ich nicht.
Aber träumen, träumen wird sie gewiss auch weiterhin davon, dass sie vielleicht von einem echten Isländer abstammt. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 7. September 2009:
Made in Iceland?
Haben Sie einen Lieblingsplatz in Island? Einen Ort, den Sie ganz besonders mögen, an den es Sie immer wieder fast magisch zieht?
Für mich gibt es zwei dieser ganz persönlichen Lieblingsstellen. Es sind der Berg Snaefellsjökull auf der Halbinsel Snaefellsness im Westen sowie der Ort Húsavík im Norden des Landes.
Ich erzähle Ihnen das, weil es für die Begebenheit, die ich Ihnen nun schildern werde, zumindest teilweise von Belang ist. Es könnte nämlich durchaus sein, dass wir bei unserem letzten Aufenthalt in Island auf ein streng gehütetes Familiengeheimnis gestossen sind.
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Sommernacht im Hafen von Húsavík (Gabriele Schneider).
Auf dem Weg nach Húsavík legten wir einen Zwischenstopp beim Museumsgehöft Grenjadastadir ein. Während der Besichtigung nahm unser Führer meinen Vater, damals 76-jährig, beiseite und sagte fast flüsternd zu ihm: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie meinem vor Kurzem verstorbenen Grossvater ganz verblüffend ähnlich sehen?“ Mein Vater wusste es selbstverständlich nicht.„Aber Sie haben doch bestimmt irgendwelche isländische Vorfahren?“, bohrte der junge Mann weiter, „Sie sehen so typisch isländisch aus.“ Abermals verneinte mein Vater.
Museumsgehöft Grenjadastadir (Günter Schneider).
Wahrscheinlich hätten wir diese Unterhaltung schnell wieder vergessen, wären wir nicht ein paar Tage später im Museum von Húsavík gewesen. Urplötzlich kamen unsere drei Begleiterinnen ganz aufgelöst und mit wild fuchtelnden Armen auf uns zu gerannt.
Fast schrill vor Aufregung riefen sie: „Günter, Günter, da hinten hängt ein Bild, und der Mann darauf sieht ganz genauso aus wie Du.“ Wir befanden uns übrigens gerade in der Seefahrts-Abteilung, die seit 2002 in einer eigens dafür errichteten gläsernen Pyramide untergebracht ist.
In der Seefahrts-Abteilung im Museum Húsavík (Günter Schneider).
Bei den Bildern, von denen die Frauen sprachen, handelte es sich um gezeichnete Portraits ehemaliger Fischer aus Húsavík. Lange standen wir vor dem Konterfei des betreffenden Seefahrers und blickten den möglicherweise mit uns verwandten unverwandt an.
Viel später, längst zurück in Deutschland, kamen mir die beiden Erlebnisse wieder in den Sinn. Was, wenn mein Grossvater, also der Vater meines Vaters, der Sohn eines Durchreisenden Isländers gewesen ist?

Im Hafen von Húsavík (Günter Schneider).
Mein Opa war schliesslich tatsächlich ein uneheliches Kind, meine Uroma hat zwar jemanden als Vater ihres Sohnes benannt, aber könnte es nicht auch sein, dass...
Dann, ja dann wäre ja auch ich quasi so etwas wie eine Isländerin. Und damit wäre auch eine Antwort darauf gefunden, warum ich mich seit mehr als einem Jahrzehnt so hingezogen zu eben diesem Fischerort in Nordisland fühle. Weil nämlich mein Urgrossvater genau dort, in Húsavík gelebt hat.
Und mein Vater? Auch ihn hat bereits bei seiner ersten Island-Reise die Liebe zu Húsavík gepackt.
Vielleicht ist alles nur ein Zufall. Wie wir herausfinden könnten, ob ein Körnchen Wahrheit in der Angelegenheit steckt, das wissen wir nicht. Aber träumen, träumen werde ich gewiss auch weiterhin davon, dass ich vielleicht von einem echten Isländer abstamme. (Heute erschienen bei Iceland-Review online: http://www.icelandreview.com/icelandreview/deutsch/alltag/?cat_id=66878&ew_0_a_id=339499)
Mittwoch, den 26. August 2009:
Duftsäckchen
Neulich war der achtjährige Neffe für eine Woche zu Besuch in den Kraichgau, und in dieser Zeit kauften wir auch einmal in einen Drogeriemarkt ein. Nebenbei zeigte ich Jakob, wie man Parfums testet: indem man ein wenig auf kleine Papierstreifen sprüht. Er fand das überhaupt nicht spannend, motzte und meckerte, was das Zeug hielt. Schließlich stinkt Parfum ja fast unerträglich - für echte Jungs zumindest. Er wartete er geduldig, aber naserümpfend. Ungefähr bei der 20. Testsprühung rief Jakob plötzlich: „Boah, das riecht ja voll cool. Das musst du unbedingt kaufen!“ Da ich mich eh spontan in den mir unbekannten Duft verliebt hatte, wandelten wir aromengeschwängert zur Kasse. Daheim stellte ich den Flakon ins Badezimmer. In den nächsten Tagen passierte Seltsames, ja beinah Mystisches. Der Inhalt des Fläschchens nahm zusehends ab, obwohl ich noch nichts davon verwendet hatte. Hin und wieder, immer dann, wenn Jakob in der Nähe war, glaubte ich einen angenehm frischen, gar nicht jungenhaften Duft aus seiner Richtung zu erschnuppern. Ich fragte den Knirps danach. „Ach, weißt Du“, antwortete der, „immer, wenn ich auf dem Klo sitze, sprühe ich ein bisschen Parfüm in die Luft. Naja, es könnte vielleicht schon sein, dass ich mich dabei ganz aus Versehen manchmal selber treffe.“ Jakobs Ferien gingen irgendwann zu Ende. Am Abreisetag besprühte ich einen Wattebausch mit dem begehrten Gut, deponierte diesen in einem Plastikbeutel mit Zipp-Verschluss und schenkte Jakob das Tütchen. Daheim angekommen, sprudelte es aus Jakob heraus, kaum dass wir zur Tür herein waren: „Ich habe von Opa ein Lego-Flugzeug bekommen und einen Drachen, von Gabi ein Buch und eine Sonnenbrille.“ Dann machte er eine kleine Pause, um in fast feierlichem Ton hinzuzufügen: „Aber wisst ihr, was das aller-aller-allerschönste Geschenk war?“ Und zog das duftende Säckchen aus der Tasche. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 3. August 2009:
Goldgräber
Neulich beim Straßenfest gab es einen Stand, an dem bunte Süßigkeiten aus großen Gläsern verkauft wurden. Während ich noch das verlockende Angebot an zuckerigen Leckereien musterte, beobachtete ich aus den Augenwinkeln einen Jungen, vielleicht acht Jahre alt. Er schlenderte zunächst um den Stand herum, so, als plane er den ganz großen Coup - einen exorbitanten Süßwarenkauf nämlich. Doch plötzlich stutzte er, zuckte kurz zusammen, die Augen blitzten gefährlich.
Die Gummischlangen und Lutschtiere keines Blickes mehr würdigend, umkreiste er den Stand und ließ sich hinter der Verkäuferin auf den Boden sinken. Dort saß er und begutachtete intensiv die Stelle vor sich. Dann begann er, mit den Fingernägeln an den Steinplatten zu kratzen.
Bald hatte ich das Interesse an dieser seltsamen Tätigkeit verloren und ging weiter. Vielleicht 20 Minuten später kam ich erneut an besagtem Stand vorbei. Und siehe da, der Knirps hockte immer noch auf dem Hosenboden und scharrte mit vor aufgeregter Anstrengung wild über den Mund fahrender Zunge vor sich hin. Schließlich siegte meine Neugier: „Sag' mal, wartest du darauf, dass etwas von den Süßigkeiten zu dir runterfällt?“, fragte ich ihn. „Nein, nein“, antwortete der Kleine entrüstet, „ich habe doch Geld genug dabei, um mir welche zu kaufen. Aber als ich vorhin hier vorbeikam, habe ich gesehen, dass zwischen zwei der Steinplatten ein Zwei-Cent-Stück steckt.“
Der Junge deutete mit dem Finger auf eine Stelle am Boden, erhob sich und zuckte mit den Schultern. „Aber ich kriege es einfach nicht raus.“ Sprach's und zog, ratlos den Kopf schüttelnd, davon. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 13. Juli 2009:
Farben hören
Unser Haus hat zwei Stockwerke. Abends, beim Fernsehen, sitze ich gern im unteren. Das Telefon aber klingelt oben. Bis ich durchs Wohnzimmer gehuscht und die 13 Stufen nach oben geflitzt bin, hat das Telefon schon an die dreimal geklingelt - und der Anrufer (Zeit ist schließlich Geld) bereits wieder aufgelegt.
Ich brauche ein neues Telefon. Ein schnurloses mit zusätzlichem Mobilteil fürs Untergeschoss. Womit ich nicht gerechnet habe: Der Elektromarkt widmet den schnurlosen Apparaten eine ganze Regalwand. Ratlos stehe ich vor der farbenfrohen Pracht. Flaniere hin und her. Vergleiche dieses Gerät mit jenem, doch Unterschiede wollen sich mir auch bei intensivster Betrachtung nicht recht erschließen.
Ein höflicher Verkäufer fragt freundlich nach meinen Wünschen. „Ein Telefon“, sage ich diplomatisch, „mit zusätzlichem Mobilteil.“ Er fragt: „Was genau möchten Sie mit dem Gerät denn machen?“ Ich bin irritiert. „Telefonieren“, schlage ich zögernd vor. „Und ein integrierter Anrufbeantworter wäre schön.“ Die Enttäuschung steht dem jungen Mann ins Gesicht geschrieben. „Sonst wollen Sie gar nichts damit machen?“, fragt er verunsichert. „Wie wäre es beispielsweise mit einem farbigen Display?“ Ja, sieht mein Ohr denn Farben?
Schließlich verlasse ich mit dem bescheidensten der Geräte den Laden. Was man mit einem schnurlosen Telefon alles machen kann? Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht so genau wissen. Aber der neunjährige Sohnemann hat gestern eine neue Kamera bekommen. Mit ihr kann er sogar Filmchen drehen. Mit Ton. Eine Stoppuhr ist ebenso integriert wie Radio und Wecker. Aber das Beste: Sogar telefonieren kann man mit dieser Kamera. Handy, sagt der Kleine, heiße das Wunderding. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Samstag, den 4. Juli 2009:
Sicher im Theater
Bei Freilichtspielen in der zweiten Reihe zu sitzen, bietet dem Premieren-Besucher zahlreiche Vorzüge. Er sieht alles (das reichlich bemessene Theaterblut etwa), hört alles (falls die Souffleuse mal wortgewandt eingreifen müsste), riecht alles (Trockeneisnebel). Und er befindet sich in prominenter Gesellschaft. Der bekannte Herr schräg vor mir nahm mir keineswegs die Sicht, er schwatzte nicht und auch sonst verhielt er sich vorbildlich.
Doch war er nicht allein gekommen, sondern in Begleitung eines Leibwächters. Und der saß neben mir. Groß, muskulös, durchaus freundlich. Ein Bodyguard, also ein Körperbeschützer. Du lieber Himmel, schoss es mir durch den Kopf, muss ich mir Sorgen machen? Sitze ich am End` an einem Ort, an dem mit Terror, Gewalt und Kampfhandlungen zu rechnen ist? Abseits der zahlreichen Gemetzel, die der Berlichinger Götz und seine Mannen unter meinen Augen auszufechten hatten? Trotz der noch immer drückenden Hitze fröstelte mir. Aber, so fragte ich mich weiter, würde der Held neben mir nicht alles geben, im Ernstfall auch mein Leben zu retten?
Angespannt saß er da. Bei jedem Kanonenschlag, jedem fliegenden Pfeil, jedem Gewehrschuss, jedem Donnerschlag zuckte er fast unmerklich zusammen. Seine Aufmerksamkeit war bemerkenswert, sein Blick stets überall. Mein Schlussapplaus galt auch ihm. Schließlich hatte er alle drohende Unbill von mir abgewendet. Beinah möchte ich sagen: Er hat mein Leben gerettet. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 22. Juni 2009:
Tierbestimmung
Ein Pusztaschnitzel schmeckt lecker, am besten mit leckerem Pusztasalat. Rassige, galoppierende Pusztapferde, darauf ebenso rassige Reiter, Csikós genannt. Und langhornige Pusztarinder. Das alles verbindet man möglicherweise mit der Puszta, wenn man sie nie besucht hat. Ich war jetzt dort. Bei einer Kutschfahrt durch diese baumarme Steppenlandschaft Ungarns begegneten uns neben den weltberühmten Pferden und Rindern viele weitere Tiere.
Mit Schafen war zu rechnen gewesen, für Romantiker kam wohl auch der freundlich aus der Ferne winkende Schäfer nebst Hütehund nicht gänzlich unerwartet. Die Wollschweine mit ihren krausen Borsten waren drollig anzusehen, doch grunzten sie im eingezäunten Gehege. Die offene Wildnis bot weit mehr. Den Storch, der auf der Weide stand, entlarvten sogleich alle als Herrn Adebar. Anders beim Eisvogel, der vor einer Lehmwand voller Bruthöhlen schwebte. Da wollte nur noch einer Stellung beziehen und sich meiner untrüglichen Expertenmeinung anschließen. Beim Halt an einem Bauernhaus zog ein Schmetterling die Aufmerksamkeit eines Herrn auf sich. Schön war der Falter, und ganz unaufdringlich saß er auf einer Blüte, unbemerkt und unbeachtet von den meisten. Ich knipste das mir unbekannte Tier und nahm mir fest vor, es daheim zu bestimmen.
Dann kam der Alltagstrott. Umso größer war meine Freude, als ich ein paar Tage später Nachricht vom Entdecker des Schmetterlings erhielt. Er hatte ihn bestimmt, es war ein Grüner Silberstrich. Sofort flatterte auch der Eisvogel wieder durch meine Erinnerung. So nahm ich ein Vogelbuch zur Hand, um meine Klassifizierung zu untermauern. Da kam ans Licht: Es war gar kein Eisvogel gewesen, sondern ein Bienenfresser. Man kann doch wirklich nicht alles wissen. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Mittwoch, den 9. September 2009:
Hallo zusammen, habe den Text von vorgestern leicht geändert. So ist er heute in der Kraichgau Stimme erschienen:
Made in Iceland?
Haben Sie einen Lieblingsplatz? Einen Ort, an den es Sie immer wieder fast magisch zieht? Silja hat einen. Und zwar den Ort Húsavík in Island. Und es könnte durchaus sein, dass sie bei einer Reise auf die Insel auf ein streng gehütetes Familiengeheimnis gestoßen ist.
Auf dem Weg nach Húsavík legte die kleine Gruppe einen Stopp bei einem Museumsgehöft ein. Während der Besichtigung nahm der Führer Siljas Vater beiseite und sagte fast flüsternd zu ihm: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie meinem vor Kurzem verstorbenen Großvater ganz verblüffend ähnlich sehen?“ Siljas Vater wusste es selbstverständlich nicht. „Aber Sie haben doch bestimmt isländische Vorfahren?“, bohrte der junge Mann weiter, „Sie sehen so typisch isländisch aus.“ Abermals verneinte Siljas Vater.
Wahrscheinlich wäre diese Unterhaltung schnell in Vergessenheit geraten, hätte die Gruppe nicht ein paar Tage später das Museum von Húsavík besichtigt. Urplötzlich kamen drei Mitreisende ganz aufgelöst und mit wild fuchtelnden Armen auf Silja und ihren Vater zugerannt. Fast schrill vor Aufregung, riefen sie: „Komm schnell mit, da hinten hängt ein Bild, und der Mann darauf sieht ganz genauso aus wie Du.“
Es war die Seefahrts-Abteilung. Bei den Bildern, von denen die Frauen sprachen, handelte es sich um gezeichnete Portraits ehemaliger Fischer des Orts. Lange standen Silja und ihr Vater vor dem Konterfei des betreffenden Seefahrers und blickten den eventuell Verwandten unverwandt an.
Viel später, längst zurück in Deutschland, kamen Silja die beiden Erlebnisse wieder in den Sinn. Was, wenn ihr Großvater der Sohn eines durchreisenden Isländers gewesen ist? Ihr Opa war schließlich ein uneheliches Kind, der angebliche Vater bekannt, aber könnte es nicht doch sein, dass... Dann, ja dann wäre auch Silja so etwas wie eine Isländerin. Und damit wäre eine Antwort darauf gefunden, warum sie sich seit mehr als einem Jahrzehnt so hingezogen zu eben diesem einen kleinen Fischerort im Norden der Insel fühlt. Weil nämlich ihr Urgroßvater genau dort, in Húsavík, gelebt hat.
Und Siljas Vater? Auch ihn hat schon bei seiner ersten Reise die Liebe zu Húsavík gepackt. Vielleicht ist alles nur ein Zufall. Wie Silja herausfinden könnte, ob ein Körnchen Wahrheit in der Angelegenheit steckt, das weiß ich nicht.
Aber träumen, träumen wird sie gewiss auch weiterhin davon, dass sie vielleicht von einem echten Isländer abstammt. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 7. September 2009:
Made in Iceland?
Haben Sie einen Lieblingsplatz in Island? Einen Ort, den Sie ganz besonders mögen, an den es Sie immer wieder fast magisch zieht?
Für mich gibt es zwei dieser ganz persönlichen Lieblingsstellen. Es sind der Berg Snaefellsjökull auf der Halbinsel Snaefellsness im Westen sowie der Ort Húsavík im Norden des Landes.
Ich erzähle Ihnen das, weil es für die Begebenheit, die ich Ihnen nun schildern werde, zumindest teilweise von Belang ist. Es könnte nämlich durchaus sein, dass wir bei unserem letzten Aufenthalt in Island auf ein streng gehütetes Familiengeheimnis gestossen sind.
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Sommernacht im Hafen von Húsavík (Gabriele Schneider).
Auf dem Weg nach Húsavík legten wir einen Zwischenstopp beim Museumsgehöft Grenjadastadir ein. Während der Besichtigung nahm unser Führer meinen Vater, damals 76-jährig, beiseite und sagte fast flüsternd zu ihm: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie meinem vor Kurzem verstorbenen Grossvater ganz verblüffend ähnlich sehen?“ Mein Vater wusste es selbstverständlich nicht.„Aber Sie haben doch bestimmt irgendwelche isländische Vorfahren?“, bohrte der junge Mann weiter, „Sie sehen so typisch isländisch aus.“ Abermals verneinte mein Vater.
Museumsgehöft Grenjadastadir (Günter Schneider).
Wahrscheinlich hätten wir diese Unterhaltung schnell wieder vergessen, wären wir nicht ein paar Tage später im Museum von Húsavík gewesen. Urplötzlich kamen unsere drei Begleiterinnen ganz aufgelöst und mit wild fuchtelnden Armen auf uns zu gerannt.
Fast schrill vor Aufregung riefen sie: „Günter, Günter, da hinten hängt ein Bild, und der Mann darauf sieht ganz genauso aus wie Du.“ Wir befanden uns übrigens gerade in der Seefahrts-Abteilung, die seit 2002 in einer eigens dafür errichteten gläsernen Pyramide untergebracht ist.
In der Seefahrts-Abteilung im Museum Húsavík (Günter Schneider).
Bei den Bildern, von denen die Frauen sprachen, handelte es sich um gezeichnete Portraits ehemaliger Fischer aus Húsavík. Lange standen wir vor dem Konterfei des betreffenden Seefahrers und blickten den möglicherweise mit uns verwandten unverwandt an.
Viel später, längst zurück in Deutschland, kamen mir die beiden Erlebnisse wieder in den Sinn. Was, wenn mein Grossvater, also der Vater meines Vaters, der Sohn eines Durchreisenden Isländers gewesen ist?

Im Hafen von Húsavík (Günter Schneider).
Mein Opa war schliesslich tatsächlich ein uneheliches Kind, meine Uroma hat zwar jemanden als Vater ihres Sohnes benannt, aber könnte es nicht auch sein, dass...
Dann, ja dann wäre ja auch ich quasi so etwas wie eine Isländerin. Und damit wäre auch eine Antwort darauf gefunden, warum ich mich seit mehr als einem Jahrzehnt so hingezogen zu eben diesem Fischerort in Nordisland fühle. Weil nämlich mein Urgrossvater genau dort, in Húsavík gelebt hat.
Und mein Vater? Auch ihn hat bereits bei seiner ersten Island-Reise die Liebe zu Húsavík gepackt.
Vielleicht ist alles nur ein Zufall. Wie wir herausfinden könnten, ob ein Körnchen Wahrheit in der Angelegenheit steckt, das wissen wir nicht. Aber träumen, träumen werde ich gewiss auch weiterhin davon, dass ich vielleicht von einem echten Isländer abstamme. (Heute erschienen bei Iceland-Review online: http://www.icelandreview.com/icelandreview/deutsch/alltag/?cat_id=66878&ew_0_a_id=339499)
Mittwoch, den 26. August 2009:
Duftsäckchen
Neulich war der achtjährige Neffe für eine Woche zu Besuch in den Kraichgau, und in dieser Zeit kauften wir auch einmal in einen Drogeriemarkt ein. Nebenbei zeigte ich Jakob, wie man Parfums testet: indem man ein wenig auf kleine Papierstreifen sprüht. Er fand das überhaupt nicht spannend, motzte und meckerte, was das Zeug hielt. Schließlich stinkt Parfum ja fast unerträglich - für echte Jungs zumindest. Er wartete er geduldig, aber naserümpfend. Ungefähr bei der 20. Testsprühung rief Jakob plötzlich: „Boah, das riecht ja voll cool. Das musst du unbedingt kaufen!“ Da ich mich eh spontan in den mir unbekannten Duft verliebt hatte, wandelten wir aromengeschwängert zur Kasse. Daheim stellte ich den Flakon ins Badezimmer. In den nächsten Tagen passierte Seltsames, ja beinah Mystisches. Der Inhalt des Fläschchens nahm zusehends ab, obwohl ich noch nichts davon verwendet hatte. Hin und wieder, immer dann, wenn Jakob in der Nähe war, glaubte ich einen angenehm frischen, gar nicht jungenhaften Duft aus seiner Richtung zu erschnuppern. Ich fragte den Knirps danach. „Ach, weißt Du“, antwortete der, „immer, wenn ich auf dem Klo sitze, sprühe ich ein bisschen Parfüm in die Luft. Naja, es könnte vielleicht schon sein, dass ich mich dabei ganz aus Versehen manchmal selber treffe.“ Jakobs Ferien gingen irgendwann zu Ende. Am Abreisetag besprühte ich einen Wattebausch mit dem begehrten Gut, deponierte diesen in einem Plastikbeutel mit Zipp-Verschluss und schenkte Jakob das Tütchen. Daheim angekommen, sprudelte es aus Jakob heraus, kaum dass wir zur Tür herein waren: „Ich habe von Opa ein Lego-Flugzeug bekommen und einen Drachen, von Gabi ein Buch und eine Sonnenbrille.“ Dann machte er eine kleine Pause, um in fast feierlichem Ton hinzuzufügen: „Aber wisst ihr, was das aller-aller-allerschönste Geschenk war?“ Und zog das duftende Säckchen aus der Tasche. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 3. August 2009:
Goldgräber
Neulich beim Straßenfest gab es einen Stand, an dem bunte Süßigkeiten aus großen Gläsern verkauft wurden. Während ich noch das verlockende Angebot an zuckerigen Leckereien musterte, beobachtete ich aus den Augenwinkeln einen Jungen, vielleicht acht Jahre alt. Er schlenderte zunächst um den Stand herum, so, als plane er den ganz großen Coup - einen exorbitanten Süßwarenkauf nämlich. Doch plötzlich stutzte er, zuckte kurz zusammen, die Augen blitzten gefährlich.
Die Gummischlangen und Lutschtiere keines Blickes mehr würdigend, umkreiste er den Stand und ließ sich hinter der Verkäuferin auf den Boden sinken. Dort saß er und begutachtete intensiv die Stelle vor sich. Dann begann er, mit den Fingernägeln an den Steinplatten zu kratzen.
Bald hatte ich das Interesse an dieser seltsamen Tätigkeit verloren und ging weiter. Vielleicht 20 Minuten später kam ich erneut an besagtem Stand vorbei. Und siehe da, der Knirps hockte immer noch auf dem Hosenboden und scharrte mit vor aufgeregter Anstrengung wild über den Mund fahrender Zunge vor sich hin. Schließlich siegte meine Neugier: „Sag' mal, wartest du darauf, dass etwas von den Süßigkeiten zu dir runterfällt?“, fragte ich ihn. „Nein, nein“, antwortete der Kleine entrüstet, „ich habe doch Geld genug dabei, um mir welche zu kaufen. Aber als ich vorhin hier vorbeikam, habe ich gesehen, dass zwischen zwei der Steinplatten ein Zwei-Cent-Stück steckt.“
Der Junge deutete mit dem Finger auf eine Stelle am Boden, erhob sich und zuckte mit den Schultern. „Aber ich kriege es einfach nicht raus.“ Sprach's und zog, ratlos den Kopf schüttelnd, davon. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 13. Juli 2009:
Farben hören
Unser Haus hat zwei Stockwerke. Abends, beim Fernsehen, sitze ich gern im unteren. Das Telefon aber klingelt oben. Bis ich durchs Wohnzimmer gehuscht und die 13 Stufen nach oben geflitzt bin, hat das Telefon schon an die dreimal geklingelt - und der Anrufer (Zeit ist schließlich Geld) bereits wieder aufgelegt.
Ich brauche ein neues Telefon. Ein schnurloses mit zusätzlichem Mobilteil fürs Untergeschoss. Womit ich nicht gerechnet habe: Der Elektromarkt widmet den schnurlosen Apparaten eine ganze Regalwand. Ratlos stehe ich vor der farbenfrohen Pracht. Flaniere hin und her. Vergleiche dieses Gerät mit jenem, doch Unterschiede wollen sich mir auch bei intensivster Betrachtung nicht recht erschließen.
Ein höflicher Verkäufer fragt freundlich nach meinen Wünschen. „Ein Telefon“, sage ich diplomatisch, „mit zusätzlichem Mobilteil.“ Er fragt: „Was genau möchten Sie mit dem Gerät denn machen?“ Ich bin irritiert. „Telefonieren“, schlage ich zögernd vor. „Und ein integrierter Anrufbeantworter wäre schön.“ Die Enttäuschung steht dem jungen Mann ins Gesicht geschrieben. „Sonst wollen Sie gar nichts damit machen?“, fragt er verunsichert. „Wie wäre es beispielsweise mit einem farbigen Display?“ Ja, sieht mein Ohr denn Farben?
Schließlich verlasse ich mit dem bescheidensten der Geräte den Laden. Was man mit einem schnurlosen Telefon alles machen kann? Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht so genau wissen. Aber der neunjährige Sohnemann hat gestern eine neue Kamera bekommen. Mit ihr kann er sogar Filmchen drehen. Mit Ton. Eine Stoppuhr ist ebenso integriert wie Radio und Wecker. Aber das Beste: Sogar telefonieren kann man mit dieser Kamera. Handy, sagt der Kleine, heiße das Wunderding. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Samstag, den 4. Juli 2009:
Sicher im Theater
Bei Freilichtspielen in der zweiten Reihe zu sitzen, bietet dem Premieren-Besucher zahlreiche Vorzüge. Er sieht alles (das reichlich bemessene Theaterblut etwa), hört alles (falls die Souffleuse mal wortgewandt eingreifen müsste), riecht alles (Trockeneisnebel). Und er befindet sich in prominenter Gesellschaft. Der bekannte Herr schräg vor mir nahm mir keineswegs die Sicht, er schwatzte nicht und auch sonst verhielt er sich vorbildlich.
Doch war er nicht allein gekommen, sondern in Begleitung eines Leibwächters. Und der saß neben mir. Groß, muskulös, durchaus freundlich. Ein Bodyguard, also ein Körperbeschützer. Du lieber Himmel, schoss es mir durch den Kopf, muss ich mir Sorgen machen? Sitze ich am End` an einem Ort, an dem mit Terror, Gewalt und Kampfhandlungen zu rechnen ist? Abseits der zahlreichen Gemetzel, die der Berlichinger Götz und seine Mannen unter meinen Augen auszufechten hatten? Trotz der noch immer drückenden Hitze fröstelte mir. Aber, so fragte ich mich weiter, würde der Held neben mir nicht alles geben, im Ernstfall auch mein Leben zu retten?
Angespannt saß er da. Bei jedem Kanonenschlag, jedem fliegenden Pfeil, jedem Gewehrschuss, jedem Donnerschlag zuckte er fast unmerklich zusammen. Seine Aufmerksamkeit war bemerkenswert, sein Blick stets überall. Mein Schlussapplaus galt auch ihm. Schließlich hatte er alle drohende Unbill von mir abgewendet. Beinah möchte ich sagen: Er hat mein Leben gerettet. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 22. Juni 2009:
Tierbestimmung
Ein Pusztaschnitzel schmeckt lecker, am besten mit leckerem Pusztasalat. Rassige, galoppierende Pusztapferde, darauf ebenso rassige Reiter, Csikós genannt. Und langhornige Pusztarinder. Das alles verbindet man möglicherweise mit der Puszta, wenn man sie nie besucht hat. Ich war jetzt dort. Bei einer Kutschfahrt durch diese baumarme Steppenlandschaft Ungarns begegneten uns neben den weltberühmten Pferden und Rindern viele weitere Tiere.
Mit Schafen war zu rechnen gewesen, für Romantiker kam wohl auch der freundlich aus der Ferne winkende Schäfer nebst Hütehund nicht gänzlich unerwartet. Die Wollschweine mit ihren krausen Borsten waren drollig anzusehen, doch grunzten sie im eingezäunten Gehege. Die offene Wildnis bot weit mehr. Den Storch, der auf der Weide stand, entlarvten sogleich alle als Herrn Adebar. Anders beim Eisvogel, der vor einer Lehmwand voller Bruthöhlen schwebte. Da wollte nur noch einer Stellung beziehen und sich meiner untrüglichen Expertenmeinung anschließen. Beim Halt an einem Bauernhaus zog ein Schmetterling die Aufmerksamkeit eines Herrn auf sich. Schön war der Falter, und ganz unaufdringlich saß er auf einer Blüte, unbemerkt und unbeachtet von den meisten. Ich knipste das mir unbekannte Tier und nahm mir fest vor, es daheim zu bestimmen.
Dann kam der Alltagstrott. Umso größer war meine Freude, als ich ein paar Tage später Nachricht vom Entdecker des Schmetterlings erhielt. Er hatte ihn bestimmt, es war ein Grüner Silberstrich. Sofort flatterte auch der Eisvogel wieder durch meine Erinnerung. So nahm ich ein Vogelbuch zur Hand, um meine Klassifizierung zu untermauern. Da kam ans Licht: Es war gar kein Eisvogel gewesen, sondern ein Bienenfresser. Man kann doch wirklich nicht alles wissen. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Freitag, den 12. Juni 2009:
Blumenkinder
Neulich Bus nach Dunavarsány saßen auch zwölf Sechst- und Siebtklässler der Wolf-von-Gemmingen-Schule. Ohne ihre Eltern wohlgemerkt. Die Schüler hatten viel Spaß, sie verhielten sich vorbildlich und es gab weder Zank noch sonstige Aufregungen. Einem besonders ergreifenden Moment jedoch durften nur wenige der Mitreisenden beiwohnen, lediglich die, die an jenem Vormittag im Bus die Plätze in der Nähe von zwei der Mädchen belegt hatten. Am Morgen des dritten Tages nämlich traten drei der Jungen vor die Mädchen und hielten ihnen eine weiße Plastiktüte hin. Aus dem Beutel lugten unverkennbar rote Geranienblüten hervor. „Hier, die sind für Euch“, sagten die Jungs artig, lächelten und trollten sich auf ihre Plätze. Ganz klar, die Mädchen freuten sich über das unerwartete Geschenk, das die Jungen extra für sie in einem kleinen Laden erstanden hatten. Die umsitzenden Erwachsenen grinsten zwar, waren aber allesamt sehr gerührt von dieser schönen Geste. Da behaupte noch mal einer, „die heutige Jugend“ wisse nichts von Galanterie und dem passenden Benehmen gegenüber dem anderen Geschlecht.
Dienstag, den 14. April 2009:
Weise Geschenke
Neulich, Ich bin zwar über Vierzig, aber noch lange nicht in dem Alter, in dem man auf die Frage nach ersehnten Präsenten bescheiden antwortet: „Ach, ich habe doch schon alles.“ Ich mag Geschenke. Wenn aber die beste Freundin grinsend dasitzt, hippelig auf die Päckchen deutet und quengelt: „Pack doch endlich aus!“, ist klar, dass sich im erdbeerbedruckten Papier etwas Skurriles verbirgt. Während ich umständlich am Papier nestele, erwähnt sie noch: „Das habe ich gesehen und fand es so lustig, das musste ich unbedingt kaufen.“ Schließlich halte ich eine kleine Schachtel in Händen. Es ist eine Augencreme der Produktlinie „Wise Woman“. Weise Frau, denke ich begeistert, endlich hat jemand meine wahren Qualitäten erkannt. Ahnungslos drehe ich den Karton um, und schlagartig ist es um die Zufriedenheit geschehen. „Für die reife Haut“, steht da. Schwarz auf hellbraun. In Großbuchstaben. Die Freundin kichert schamlos. „Mach doch mal das andere auf!“, gluckst sie. Dieses Päckchen hat annähernd die Größe eines Ziegelsteins und verströmt ein Aroma, das mir seltsam bekannt vorkommt. Gespannt wickle ich den Quader aus. Es ist ein Stück Seife mit dem bezaubernden Namen „Honey, I washed the kids“. Ich fühle mich mit dem Schicksal versöhnt: Die Kinder gewaschen zu haben, das heißt blühend jung zu sein. Kein Gedanke mehr an „reife Haut“. Doch der Augenblick des Glücks ist trügerisch und währt nur kurz. „Der Duft dieser Seife hat Dir doch neulich so gut gefallen“, nannte die Freundin den Grund für ihre Wahl. Also hatte nicht meine offensichtliche Jugend sie inspiriert. Vor meinem nächsten Geburtstag werde ich ganz bestimmt das Gerücht streuen, ich hätte schon alles. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Dienstag, den 7. April 2009:
Wie die Ex
Neulich, an der Supermarktkasse, blaffte ein Kunde die Kassiererin an: „So langsam schafft ja noch nicht mal meine Ex.“ Mich berührt das nicht. Auch ich kenne nämlich so ein männliches Exemplar. Etwa im Zweiwochenrhythmus erfahre ich, dass ich genauso dummes Zeug daherrede wie seine Ex oder dass die Ex auch immer so lange im Bad gebraucht hat. Mein Lieblingssatz freilich lautet: „Genau darüber habe ich mich bei meiner Ex auch immer aufgeregt.“
Der Tonfall solcher Tiraden variiert je nach Tagesform von leicht genervt bis tief gekränkt. Das Wundervollste aber, und das wissen die meisten Frauen: Um solche Ergüsse über sich ergehen zu lassen, muss man nicht einmal miteinander verbandelt sein. Bei aller Liebe: Beleidigend ist es allemal. Oder gehört die Ex vielleicht zu den Damen, über die ein Mann besonders freundlich denkt? Wäre sie dann seine Ex? Folgerichtig möchte man nicht unbedingt mit ihr verglichen werden. Als Allzweckwaffe dient sie aber bestens. Das Ärgerliche ist dabei, dass man diejenige gar nicht kennt, mit der man da beleidigt-beleidigend verglichen wird.
Sonst wüsste man, ob es vielleicht in Wirklichkeit gar nichts Herabsetzendes ist, wenn er wieder einmal augenrollend seufzt: „Wie meine Ex!“ Doch wie würde sein Kommentar lauten, drängte man auf ein Kennenlernen? „Ihr Frauen seid doch alle gleich, wollt Euch nur gegen mich verbünden.“ Letztlich bleibt einem als Frau nichts anderes übrig, als die „Komplimente“ gefasst zu ertragen. Sonst heißt es ja doch nur: „Jetzt regst Du Dich schon genau so auf wie meine Ex.“ (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
Montag, den 16. März 2009:
Geburtstagsglück
Die kleine Kerze war nur etwa so lang wie ein Zahnstocher und hatte einen Durchmesser von nicht einmal einem halben Zentimeter. Damit hatte sie die ideale Größe, um auch noch auf dem winzigsten Kuchen eine gute Figur zu machen. Der Text auf der Packung verhieß: Beim Anzünden ertönt ein Geburtstagslied. Voller Vorfreude auf den musikalischen Hochgenuss wartete ich am frühen Morgen auf das Geburtstagskind. Endlich hatte es sich aus den Federn gequält und den Weg in die Küche gefunden. Ich entzündete das Kerzlein. Und tatsächlich erklang „Zum Geburtstag viel Glück“. Wunderbar. Und sogar ein wenig romantisch. Nach etwa zwei Minuten ununterbrochenen Gedudels verlangsamte sich die Ausschüttung an Glückshormonen allerdings leicht. Wir bliesen das Kerzlein aus. Doch die Musik spielte weiter. Und nach weiteren zwei Minuten war das geleierte Geburtstagsglück bereits zur beinahe unerträglichen Folter geworden.
Doch nirgends am Kerzlein ein Knopf zum Ausschalten. Nach der nächsten schier endlosen Minute legte das Geburtstagskind die Kerze ins Gemüsefach des Kühlschranks, denn vielleicht würde ja die Kälte...
Minutenlang drang die Melodei nun gedämpft, aber nicht minder nervtötend als vorher, durch die geschlossene Kühlschranktür an den Frühstückstisch. Die Geburtstagsidylle war fast schon im Eimer. Ich entschwand für einen Moment aus der Küche. Als ich wiederkam, hatte sich wohlige Ruhe über Kuchen und Geschenke gebreitet.
Der Jubilar hatte zum Äußersten gegriffen. Das mechanische Kerzlein lag zerbrochen auf dem Tisch, und das Geburtstagskind knabberte genüsslich und zufrieden am Geburtstagskuchen. (Heute erschienen in Kraichgau Stimme: www.stimme.de)
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